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Verlassen

Ausgestreckt und mit geschlossenen Augen liege ich im Sand und lausche dem Rauschen der Wellen, während die Sandkörner durch meine Finger rieseln.

Hin und wieder höre ich, wie er leise über das soeben Gelesene lacht, und wenn er ungläubig den Kopf schüttelt oder bestätigend nickt, trägt der Wind einen Hauch seines Duftes zu mir.

Dann lächle auch ich.

Als ich höre, wie er aufsteht und sich von mir entfernt, öffne ich die Augen und setze mich auf. Was ich sehe, lässt mir den Atem stocken – vor mir erstreckt sich das Meer, unendlich, wie es scheint; darüber steht wie ein Feuerball die untergehende Sonne, die den Himmel und das Wasser in ein glühendes Orange taucht. Hinter mir erheben sich Felsen, schwarz und mächtig, mit langen Schatten, und der aufkommende Wind lässt die Palmblätter rascheln. Ausser dem Wellenrauschen und dem leisen  Flüstern der Palmen ist nichts zu hören und der warme, salzige Wind streicht sachte über meine Haut.

Er steht direkt am Wasser, die ankommenden Wellen umspielen sein Füsse, den Rücken mir zugewandt, die Hände in den Taschen seiner knielangen Hosen. Ich kann sehen, wie er den Kopf wiegt, er denkt nach, überlegt und studiert, wie er es so oft tut, versucht, eine Antwort auf eine der vielen Fragen zu finden, die ständig in seinem Kopf herum spuken. Sein Haar wird durch den Wind verstrubbelt, doch er ist so sehr in Gedanken versunken, dass er vergisst, es glatt zu streichen, wie er es sonst immer zu tun pflegt. Er wirkt einsam, wie er da steht, ein schwarzer Schatten inmitten des glühenden Sonnenuntergangs. Ich wende den Blick ab und betrachte den Platz neben mir. Dort, wo er eben noch lag, sind die Formen seines Körpers im Sand abgezeichnet und das Buch, das er las, hat er auf seine Schuhe gelegt, um es nicht zu beschmutzen. Natürlich. Es ist unser Buch, und deshalb steht er nun auch derart gedankenverloren in der hereinbrechenden Nacht.  Seine rechte Hand ist zur Faust geballt und ich sehe, wie er schwer ein-und ausatmet. Er legt den Kopf in den Nacken, das Gesicht dem Himmel zugewandt, als erblickte er dort etwas. Doch wie oft habe ich diese Geste schon gesehen und weiss, dass er die Augen geschlossen hält und versucht, tief in seinem Inneren eine Entscheidung zu erzwingen – die richtige Entscheidung. Mit einem Ruck dreht er sich um und kommt zu mir zurück, mit gesenktem Kopf und zögernden, unsicheren Schritten, als befinde er sich noch immer in seiner Gedankenwelt. Jetzt hebt er den Blick und lässt ihn schweifen – mich beachtet er nicht. Während er sich -  endlich - die widerspenstigen Haare aus dem Gesicht streicht, ruhen seine Augen nun doch auf mir. Seine unglücklichen, gequälten Augen, wird mir mit Schrecken bewusst.

Der Wind wird kälter und ich fröstle.

Schweigend setzt er sich neben mich und blickt starr auf das vor uns liegende Wasser. Inzwischen ist die Nacht vollständig über uns hereingebrochen und Dunkelheit umfängt uns. Ich weiss, dass ich nichts sagen, ihn nichts fragen darf, er erscheint in diesem Moment, als zerbräche er, wenn ich ihn auch nur ansähe. Als ich die im Sand steckende Fackel entzünde, sehe ich, wie meine Hand zittert. Er muss es auch bemerkt haben, denn er seufzt tief und möchte zu sprechen beginnen. Doch seine Stimme gehorcht ihm nicht und er räuspert sich. Wieder verstreichen einige Minuten, in denen wir im flackernden Licht nebeneinander sitzen und auf den Horizont blicken, an welchem immer noch ein schmaler Lichtstreifen zu erkennen ist. Schliesslich sagt er heiser: „ Du weisst, dass ich dich liebe.“ Ich schweige. „ Und ich weiss auch“, er schluckt und atmet schwer ein, „ ich weiss, dass auch du mich liebst.“ Stumm werfe ich ihm einen Blick zu. Er hält seine Augen gesenkt, die Wimpern werfen im Licht der Fackel unruhige Schatten auf sein Gesicht. Mit den Händen, seinen schönen, grossen Händen, greift er immer wieder nach dem Sand und lässt ihn durch seine feingliedrigen Finger rieseln.

Wie unsere Zeit, schiesst es mir durch den Kopf. Wie unsere Zeit. Begrenzt, unglaublich schnell verfliessend – zu schnell, viel zu schnell.

Wieder herrscht Schweigen, bis er mit belegter Stimme sagt: „ Sie machen keinen Unterschied zwischen Verliebtheit und Liebe.“ Nun bin ich es, die sich räuspert. „ Dabei ist Liebe doch soviel schöner, soviel tiefer.“ „ Und soviel schmerzvoller“, wirft er verbittert ein.

Wir schweigen, gefangen in unseren Gedanken – wissend, dass der andere dasselbe denkt.

Ich lege meinen Kopf auf die angezogenen Knie, denn er soll die Tränen, die unaufhaltsam in mir aufsteigen, nicht sehen. Nicht diese Tränen.

Es mögen wenige Minuten vergangen sein, da legt er seine Hand auf meinen Kopf und lässt sie dort ruhen. Als ich aufschaue und ihn mit tränenverschleiertem Blick ansehe, erkenne ich, dass er ebenfalls Tränen in den Augen hat. „Wir können nicht so weitermachen.“ Er schaut mich an. „Darling.“ Seine Stimme bricht.

Eine meiner Tränen löst sich, tropft auf seine Hand. „Niemand versteht es. Es ist nicht die Norm.“  Wut steigt in mir auf, heisse Wut auf die Anderen, ohne die wir dieses Gespräch nicht zu führen brauchten. „ Entsprachen wir denn jemals der Norm?“, erwidere ich, heftiger und schärfer, als ich es beabsichtig hatte. Darüber erschrocken blickt er auf. „ Nein. Nein!“ Er unterbricht sich und fährt sich mit der Hand über das Gesicht. „ Nein. Und gerade deshalb kann es nicht weitergehen. Weil wir nie, keinen Moment lang der Norm entsprochen haben. Es wird zu viel über uns geredet. Ich weiss“, seine Stimme wird lauter, als er sieht, dass ich etwas einwerfen will, „ wir wissen beide, dass diese Dinge lächerlich sind, vollkommen lächerlich. Aber sie werden gesagt.“

Ich sehe, wie er seine Hände zu Fäusten ballt und sie in den Sand drückt, um ihr Zittern zu verbergen. Schliesslich, als das Schweigen unerträglich wird, stehe ich auf und gehe ans Wasser, in die schützende Dunkelheit hinein. Während ich versuche, die Gefühle, die in mir brodeln und an die Oberfläche drängen, unter Kontrolle zu bekommen, tritt er neben mich. Unsere Hände berühren sich beinahe unmerklich, doch ich weiss, dass dies kein Zufall ist. Einige Minuten verharren wir so, es herrscht völlige Stille. Mir ist kalt.

Da macht er den letzten Schritt auf mich zu und breitet seine Arme aus. Verzweifelt umarme ich ihn, und er hält mich fest und legt sein Kinn auf meinen Kopf – ich presse mein Gesicht an seine Brust und atme seinen Geruch, den ich so liebe, ein, während er mich fester an sich drückt, um das Zittern zu stoppen, das nun meinen ganzen Körper ergriffen hat. „ Ich kann nicht“, schluchze ich. Er streicht mir sanft über den Kopf. „ Wir müssen“, antwortet er, ebenfalls den Tränen nahe. „ Wir müssen.“ Er seufzt tief, löst sich von mir und hält mich mit beiden Händen an den Schultern fest.

Wortlos schauen wir uns an.

 „Ich hab‘ dich lieb“, flüstert er mit rauer Stimme und drückt mir behutsam einen Kuss auf die Stirn.

„So lieb“, wiederholt er, mit seinen Lippen an meiner Haut.

Ich bleibe stumm, scheine die Sprache verloren zu haben. Er dreht sich um und geht entlang des Wassers davon. Nach einigen Metern bleibt er stehen und bückt sich nach einem Stein. Lange betrachtet er ihn, dann holt er aus und wirft den Stein mit einem erstickten Laut in das endlose Meer, mit einer Wucht, die all unsere Verzweiflung und Wut, den Hass auf die Vorurteile und Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringt. Er geht weiter, und schon bald hat ihn die Nacht verschluckt. Als ich wie betäubt zu unserem Platz zurücktaumle, erlischt die Fackel und ich stehe in völliger Dunkelheit. Die Tropfen des einsetzenden Regen vermischen sich mit meinen Tränen.

28.9.09 21:35

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